Lieber R.
wollte Dich zum Ausklang dieses ersten Advents, nach unseren gemeinsamen, wohl schwer zu bewältigenden Erlebnissen, noch einmal erreichen – wie versprochen auch mit einigen
(wie ich hoffe) ermutigenden Gedanken über den Gang der Dinge, über den (Kreis-)Lauf des Lebens, über die Notwendigkeit (und auch Schönheit, weil unabänderliche und damit durchaus beruhigende Gewissheit) des ewigen Werdens und Vergehens, die mich heute bewegt haben…
Waren morgens zum Abendmahl-Gottesdienst im Magdeburger Dom.
Zunächst einmal sei vorausgeschickt: Ich bin kein tief religiöser Mensch.
Aber es ist so beruhigend, in 1000jährigen Kirchenschiffen zu sitzen, unter turmhohen Gewölben aus behauenen Sandsteinquadern, von Menschen vor unzähligen Generationen vor uns für die „Ewigkeit“ zusammengefügt, um Einkehr zu halten und sich mit dem Herzen dem zu nähern, was mit dem Verstand schwer zu begreifen ist.
Um uns waren Alte, Junge und Kinder, die fasziniert auf die Orgel starrten und einzelne Worte aus der Predigt, wie „Esel“ und „Teufel“, voller Begeisterung lauthals wiederholten.
Und so, wie die Mischung der Generationen zu besichtigen war, ist es immer gewesen: früher waren die Alten die Kinder, die mit großen Augen die Wunder des Lebens bestaunten und später werden die Kinder die Alten sein, die glücklich lächelnd sich an der Naivität der Nachwachsenden erfreuen.
Hierzu fällt mir immer der Prediger Salomo ein:
„Es ist alles ganz eitel…was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe…Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt, die Erde aber bleibt ewiglich…Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, da sie herfließen, laufen sie wieder hin…Es geschieht nichts Neues unter der Sonne…Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind…Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“
Ich finde dies sehr tröstlich. Seit etwa meinem 18.Lebensjahr sind diese Bibel-Verse Ausdruck meiner „Welt-Anschauung“ – sind verbaler Ausdruck der (relativen) Gelassenheit, mit der ich das irdische Treiben (sehr viel distanzierter, als man gemeinhin von mir glaubt) betrachten kann.
An der Religion interessieren mich eher die kulturhistorisch-philosophische Dimension, der soziologische Aspekt religiöser Rituale, ihre psychologischen Wirkungsmechanismen, die Schuld und Sühne-Relation, ihre Ganzheitlichkeit, die -verdichtet- in schlichten Gebeten und Glaubensbekenntnissen ein Abbild der Komplexität irdischer Existenz über ihre Grenzen, Geburt und Tod, hinaus schaffen kann.
Diese „Verdichtung“ (Simplifizierung) ist eine großartige kulturhistorische Leistung der Menschheit; sie erlaubt (auch „schlichteren“ Gemütern) den Zugang zu Trost und Zuversicht, ohne den ein („Über“)-Leben in dieser zerissenen Welt gar nicht denkbar scheint; sie stellt einen „Kompass“ (um dem neuesten LVM-Wortungetüm mal eine spirituelle Bedeutung zu verleihen), einen „Werte-Kanon“, eine „Sinn-Findungs-Anleitung“ zur Verfügung – wobei diese Anleitung, ähnlich wie bei einem IKEA-Möbel, nicht zwangsläufig für jeden Anwender zum gewünschten Erfolg führt.
Man muss sich darauf einlassen, kann sich als denkender Mensch an der dann doch (bei näherer Betrachtung) hohen Komplexität und Kompliziertheit der Materie und der darum konstruierten Gedankengebäude delektieren, tief in die Strukturen eindringen, sich mit den Irrtümern auseinandersetzen, geistigen Genuss verspüren, sich „ernstgenommen fühlen“.
Irgendwann kann man dann (vielleicht) wirklich glauben – wenn man nicht den „einfachen“
Weg des Aufwachsens in einer durch christliche (religiöse) Werte geprägten Umgebung gegangen ist.
Mir wurde dieser Weg nicht „angeboten“, ich habe mich selbst auf den Weg gemacht, um herauszufinden, ob über die biologische Funktionalität hinaus ein Sinn in diesem, unserem irdischen Dasein steckt.
Gläubig, im religiösen Kontext, bin ich (noch?) nicht geworden.
Eins scheint mir aber sicher zu sein: Der Daseins-Sinn ist in uns -jedem einzelnen von uns-
angelegt. Wir müssen ihn in uns, nirgendwo anders, entdecken, zu Tage fördern, ausleben, weitergeben (die uns Anvertrauten, unsere Familie, unsere Kinder inspirieren, sich auf eben diese Suche auch bei sich selbst zu begeben).
Dies ist unsere Verantwortung dem Leben gegenüber; so tragen wir bei zum „ewigen Leben“, das uns unseren Platz zuweist in der Abfolge der Generationen; wir sind ein „Kettenglied“, das nicht reißen darf, ein Baustein im grandiosen Weltgebäude, der hilft, die Statik eines Gesamtwerkes zu bewahren, das weit über unsere individuelle Lebensperspektive hinaus geht.
Wir sind als Einzelne nicht entscheidend für das Gelingen des Werks; aber ohne uns geht es eben auch nicht, denn wir sind Träger der „Erbinformation“, die immer weitergegeben werden muss.
Und vertrauen dürfen wir darauf, dass Liebe als Dank für unsere (niemals Dank einfordernde) „Begleitung bei der Sinnsuche“, für die Ermutigung, die wir anderen geben können, zurückfließt und Lohn für die einzige wirklich wertvolle Lebensleistung ist, die wir vollbringen müssen.
So kann auch der Tod, das Sterben müssen, zu welchem Zeitpunkt auch immer, den Charakter des Unfassbaren, des Schrecklichen, des „Sinnlosen“ verlieren – denn diese Furchtbarkeit, die wir ihm zumessen, ist ja auch nur Frucht unserer Gedanken, Vorstellungen, Reflexionen, Projektionen – Ausdruck unserer Angst, dass die Welt mit uns stirbt; eine Angst, die immer dann Konjunktur hat, wenn wir die äußere Welt zu sehr auf uns beziehen, ihr Getriebe (vor allem das eitle) zu eifrig bedienen, wenn wir nach Status und Einfluss streben, weil Gier nach Äußerlichkeiten immer neue Gier produziert und nie befriedigt werden kann.
Das Leben -gerade in der „Verbrauchergesellschaft“- ist ein „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ und wir können niemals in den Zustand der Vollendung gelangen, wenn wir uns auf den „Tanz ums goldene Kalb“ einlassen; wir erreichen ihn aber wohl (und jederzeit, auch weit vor dem in den Augen der Allgemeinheit „angemessenen“ Todeszeitpunkt), wenn wir unseren Lebenszweck erkennen und unser Wirken auf das Wesentliche konzentrieren. -
Geburt und Sterben sind untrennbare Bestandteile aller irdischen Existenz.
Sie sind die Pforten, durch die wir hinein- und nach Vollendung hinausgelangen.
„Macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit“ heißt es in einem alten Kirchenlied.
Ich stelle mir die „Übergänge“ aus der Unendlichkeit ins irdische Dasein und auch „zurück“ in die Unendlichkeit wie das Durchschreiten weit geöffneter Türen vor; das Eintreten in lichtdurchflutete Räume, das Schwinden des „Bewusst-Seins“ in wunderbaren Traum-Sequenzen; „Willkommen und Abschied“ gewissermaßen, ganz frei nach Goethe.
Einige Gedichte und Balladen, die mir besonders aus dem Herzen sprechen, habe ich immer in meinem „Repertoire“. „Ungestört von Furcht“ gehört dazu – zwei schöne Strophen daraus sind:
Wer in sich fremde Ufer spürt
und Mut hat, sich zu recken,
der wird allmählich, ungestört von Furcht,
sich selbst entdecken.
Der mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben,
und ist selbst dann lebendiger
als alle seine Erben.
Aber natürlich bin ich bekennender Hesse-Fan und habe, über seine bekannten „Klassiker“ hinaus, viele wunderbare Briefe, Tagebuchnotizen und Gedichte gelesen.
„Stufen“ ist eines der schönsten, wie ich finde:
Hermann Hesse
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollten heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Herzliche Grüße, bis bald
F.